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"Seekrankheit auf festem Lande" - Zur Krise der Literatursprache

  • Die Sprache der Literatur ist krisenfrei. Denn Dichtung ist bekanntlich - und bekanntlich heißt: das ist seit Hesiod und Platon uralteuropäisches Basiswissen - nicht auf Wahrheit verpflichtet. Ihre Betriebslizenz, wenn sie denn erteilt wird, ist vielmehr das Recht zur systematischen Lüge. Was auch zur Folge hat, daß es wenig sinnvoll ist, literarische Aussage mit Sätzen zu bestreiten wie „Hans Castorp war doch gar nicht in Davos“ oder „Madame Bovary hat ihren Mann doch gar nicht betrogen“. Schöne Literatur ist negations- und also ganz ungewöhnlich krisenimmun. Diese Einsicht in die Krisenimmunität der literarischen Sprache ist so alt und schlicht, daß sie ein wenig Brisanz erst gewinnt, wenn die elementare Verläßlichkeitskrise des Mediums Sprache so konstrastiv zum Modethema avanciert - also zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dichtung muß nämlich in gesteigerter Irritation erfahren, daß sie an dieser Krise nicht teilhat - gewissermaßen seit knapp dreitausendjähriger Wartezeit immer noch nicht an der so offen ausbrechenden Sprachkrise teilhat. Daß Dichtung lügt, ist seit ihren Anfängen unumstritten. Streiten kann man dann darüber, ob und ggf. unter welchen Rahmenbedingungen die systematische Lüge der Dichtung statthaft ist oder ob man die Dichtung, weil sie lügt, verbieten soll. Aber es wäre auch und gerade in der Zeit moderner Ausdifferenzierung von Funktionssystemen absurd, ausgerechnet vom fiktionalen Medium Literatur zu erwarten, daß es richtige Bezeichnungen oder gar wahre Namen für Dinge, Sachverhalte und Zusammenhänge bereithält. Die Sprache der Literatur folgt, um modern und also systemtheoretisch zu reden, nicht dem Code richtig/falsch, sie ist vielmehr dem Code stimmig/nicht- stimmig verpflichtet.

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Metadaten
Author:Jochen HörischGND
URN:urn:nbn:de:bsz:mh39-89074
DOI:https://doi.org/10.1515/9783110622638-004
ISBN:3-11-016156-7
Parent Title (German):Das 20. Jahrhundert. Sprachgeschichte - Zeitgeschichte
Series (Serial Number):Jahrbuch / Institut für Deutsche Sprache (_ 1997)
Publisher:de Gruyter
Place of publication:Berlin [u.a.]
Editor:Heidrun Kämper, Hartmut Schmidt
Document Type:Part of a Book
Language:German
Year of first Publication:1998
Date of Publication (online):2019/06/07
Publicationstate:Zweitveröffentlichung
Reviewstate:(Verlags)-Lektorat
GND Keyword:Deutsch; Literatursprache
First Page:27
Last Page:42
Dewey Decimal Classification:400 Sprache / 430 Deutsch
Open Access?:ja
Leibniz-Classification:Sprache, Linguistik
Leibniz-Classification:Literaturwissenschaften
Linguistics-Classification:Textlinguistik / Schriftsprache
Licence (German):Es gilt das UrhG